Von Milena Weber, SRzG-Praktikantin.
Seit Juni 2012 entfaltet sich auf den Straßen Utrechts (NL) ein endloses Gedicht. Jeden Samstag um 13 Uhr wird dazu ein neuer Buchstabe in einen Pflasterstein graviert, der dann in den Bürgersteig im Stadtzentrum gelegt wird. So zieht sich ein langes Gedicht in einer Linie quer durch die Stadt. Jedes Jahr bewegen sich die Buchstaben ca. sieben Meter weiter, und schon heute ist die Reihe 100 Meter lang. Etwa alle drei Jahre wird ein Vers beendet und ein neuer Dichter aus dem Utrechter Dichterverein wird ausgewählt, um den nächsten Vers zu schreiben. Wie genau dieser aussehen wird, bleibt geheim, und so weiß man nie, wie sich das Gedicht weiter entwickeln wird.

Das Gedicht, wie es bis heute in den Straßen Utrechts zu finden ist, sowie die Namen der jeweiligen Dichter:innen, die die einzelnen Verse geschrieben haben, findet ihr hier.

Jeder Buchstabe wird von einer Person für 100€ gekauft, um sich selbst in der Stadt zu verewigen oder auch als ein Geschenk an jemand anderes. Das Gedicht wird also so lange fortgesetzt, wie jemand bereit ist, den nächsten Buchstaben als Geschenk an die Stadt Utrecht und ihre zukünftigen Bürger:innen beizusteuern. Eine Geburt, ein Jahrestag, eine Hochzeit oder eine Beerdigung sind zum Beispiel Momente, die mit einem Stein aus den Letters of Utrecht dauerhaft festgehalten werden können. In die Seiten des Steins können Initialen, Namen oder kurze Nachrichten geritzt werden, die zwar nach dem Einlegen des Steins in die Straße nicht mehr sichtbar sind, aber durch die man sich und die Personen, die einem wichtig sind, für immer verewigen kann.

Die Buchstaben sind heiß begehrt! Es werden immer nur die nächsten 52 Buchstaben verkauft, und die sind schon ausverkauft. Jeden Samstag wird der Kauf eines neuen Steins zur Verfügung gestellt.

Die Stiftung Letters van Utrecht verwaltet dieses Projekt. Sie strebt nicht nach Profit, sondern nutzt 90% der Einnahmen für die Beschriftung des Steins sowie für die Bezahlung aller Beteiligten. Die restlichen 10% werden gespendet an Projekte oder Organisationen, die sich für die Erhaltung und Förderung der zukünftiger Generationen einsetzen.

Kunst bringt also nicht nur Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Hintergründen zusammen, sie kann auch unzählige Generationen miteinander verbinden. Vereint durch den Wunsch, nicht in Vergessenheit zu geraten, über ihre Sterblichkeit hinauszuragen und einen Beitrag zur Geschichte der Menschheit zu leisten, haben sich schon über 1000 Menschen in diesem Gedicht verewigt.

Denkmale wie dieses sollen langfristiges Denken und zukunftsorientierte Perspektiven fördern, auch in Bereichen des Lebens außerhalb der Kunst. Sie helfen, die Zukunft greifbarer zu machen und verleihen das Gefühl, mit zukünftigen und vergangenen Generationen kommunizieren zu können. Sie vereinen alle Zeiten in einem Gedicht. Die Buchstaben werden wie ein Geschenk an die nächste Generation gegeben, die diese wiederum an ihre Nachfolger weiterreichen können. Gleichzeitig können wir hierdurch lernen, Verantwortung von älteren Generationen zu übernehmen und zukünftige Generationen zu vertrauen, mit dieser Verantwortung umgehen zu können, denn das Gedicht besteht nur weiter, wenn es auch von jeder Generation weitergetragen wird.

Am 4. Juni 2022 wurde Prof. Dr. Dr. Jörg Tremmel, Gründer der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, zum ersten zehnjährigen Jubiläum von Letters of Utrecht eingeladen, zusammen mit Vertreter:innen aus verschiedenen zukunftsorientierten Initiativen und Langzeitprojekten, wie zum Beispiel der Future Library in Oslo, dem Existential Risk Observatory in Amsterdam, und dem 7.000 Eichen Projekt aus Kassel. An diesem Samstag wurde der Stein, der in genau 100 Jahren gelegt werden soll, an das Museum in Utrecht abgegeben. Das Museum soll diesen Stein aufbewahren, bis er an der Reihe ist. Welcher Buchstabe auf diesen Stein kommt, wird von einem Dichter entschieden, der noch nicht geboren wurde.

Zum Weiterlesen: https://www.delettersvanutrecht.nl