In Europa wurde 1998 ein historischer Wendepunkt erreicht: Die Bevölkerung hörte bei 728 Millionen Menschen auf zu wachsen – zum ersten Mal seit Jahrhunderten. Allen Prognosen nach wird Europa in den nächsten Jahrzehnten der einzige Kontinent sein, in dem es jedes Jahr immer ‚mehr Platz’ geben wird. Dieser Wandel wird sehr unterschiedlich bewertet. Die einen schwärmen von Vollbeschäftigung und malen eine Zukunft aus, in der Kinder nicht mehr in überfüllten Klassen lernen müssen, in der Parkplatznot und chronisch verstopfte Straßen der Vergangenheit angehören und das Schlangestehen ein Ende hat. Auch eine Signalwirkung auf rasch wachsende Entwicklungsländer wird erhofft.

Andere sprechen dagegen davon, dass wir in Deutschland unsere Infrastruktur nicht aufrecht erhalten können und verarmen werden. Ein Kollaps der sozialen Sicherungssysteme, eine ausufernde Staatsverschuldung und ein stark abnehmendes Humankapital werden befürchtet.

Die Wirtschaftswissenschaften haben Schrumpfungsprozesse bisher weitgehend vernachlässigt, so dass noch erheblicher Forschungsbedarf vonnöten ist. Es deutet jedoch vieles darauf hin, dass der prognostizierte demografische Wandel in wirtschaftlicher Hinsicht eher negative Auswirkungen auf kommende Generationen in Deutschland haben wird. Belastungseffekte dürften aller Voraussicht v.a. in den Sozialversicherungssystemen und im Hinblick auf die Pro-Kopf-Verschuldung auftreten.

In ökologischer Hinsicht aber sind die Entlastungseffekte für die Natur bei einer Schrumpfung nicht zu bestreiten (für die Alterung trifft dies hingegen nicht ohne weiteres zu). Auch wenn die ökologische Belastung stärker mit der Haushaltszahl als mit der Einwohnerzahl korreliert  und deshalb der Zusammenhang nicht einfach dem Dreisatz folgt, so bietet der demografische Wandel positive Potenziale, v.a. für die Probleme der Artenvielfalt und der Bodenversiegelung.

Der demografische Wandel ist aber bereits eingeleitet, so dass kurz- und mittelfristig in jedem Fall Strategien gebraucht werden, welche die positiven Potenziale des demografischen Wandels nutzbar machen und gleichzeitig die negativen Effekte so gut wie möglich neutralisieren.

Gute Anpassungsstrategien für einen Umgang mit der Schrumpfung wären dezentrale Versorgungsanlagen (z.B. Pflanzenkläranlagen) und mobile, temporäre und arbeitsteilige Angebotsformen (z.B. städtisches Ruftaxi statt regulärer Buslinie) oder die Nutzung leerstehender Hallen als Show-Rooms. Denn auch das Schrumpfen braucht ein Ziel.

Wie Demografen hervorheben, ist aufgrund des Trägheitseffekts (‚population momentum’) eine gewisse Schrumpfung der Bevölkerung in den Industrieländern praktisch unumkehrbar. Nur ein weiteres Absinken nach 2050 ließe sich noch vermeiden, wenn frühzeitig Maßnahmen unternommen werden. Nach Berechnungen von Herwig Birg würde es selbst dann, wenn die Geburtenrate schrittweise bis 2030 auf das bestanderhaltende Niveau ansteigen würde, bis 2080 dauern, bis die Schrumpfung zum Stillstand käme und die Geburtenbilanz wieder ausgeglichen wäre. Auch wenn außerdem 150.000 jüngere Menschen pro Jahr einwanderten, würde sich an der langen Zeitspanne bis zum Ende der Schrumpfung nicht viel ändern, die Geburtenbilanz bliebe auch dann bis 2068 negativ. In jedem Fall schärfen solche Berechnungen das Bewusstsein, dass das Bevölkerungsmomentum auch in Richtung Schrumpfung mit einem schwerfälligen Tanker vergleichbar ist, der beizeiten gestoppt werden muss. Vier Familien mit jeweils einem Kind haben eben mehr Nachkommen als eine Familie mit drei Kindern. Wer eine Bevölkerung von z.B. 70 Millionen als Zielgröße nimmt, der darf nicht erst dann, wenn dieser Wert erreicht ist, pronatalistische Maßnahmen einleiten. Dann ist es sozusagen schon 30 Jahre nach 12 Uhr.

Es sollte daher geforscht werden, wie die Geburtenrate wieder auf das Bestandhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau gesteigert werden könnte. Dieses Plädoyer für eine aktive Geburtenpolitik steht nicht im Widerspruch zu dem ersten Teil der Strategie für die demografische Zukunftsfähigkeit Deutschlands, also zur Nutzung der Chancen der Schrumpfung. Aus der negativen Bewertung der Folgen von Bevölkerungsdruck auf die Natur folgt ja nicht der Wunsch nach Selbstauslöschung, sondern ein Plädoyer für eine Stabilisierung der Bevölkerung auf ökologisch nachhaltigem Niveau. Wenn die derzeitige Fertilitätsrate von 1,4 anhielte, wird nach den Langzeitprojektionen der Population Division Deutschland im Jahr 2300 nur noch rund drei Mio. Einwohner haben, so viele wie heute Berlin. Für die meisten ist dies kein verlockendes Szenario. Es gilt also, die Gründe für die geringe Geburtenrate zu ermitteln und Umkehrstrategien zu erörtern. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Strategien, die helfen, einen vorhandenen Kinderwunsch in die Praxis umzusetzen und solchen, die einen Kinderwunsch wecken sollen. Die gewünschte Kinderzahl liegt in Deutschland bei 1,7 Kindern pro Frau, also unter der Bestandhaltungsrate.

Seit 1972 sterben mehr Menschen in Deutschland, als geboren werden. Nur durch Einwanderung wurde ein Schrumpfen in den letzten 30 Jahren verhindert. Einwanderung wird auch für die nächsten Jahrzehnte als Mittel gesehen, den demografischen Wandel aufzuhalten. Es gilt also, Konzepte für eine zukunftsfähige Einwanderungspolitik zu entwickeln. Eine vernünftige Einwanderungspolitik sollte auch die Integrationsfähigkeit im Auge haben.

 

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