Am 4. März 2026 hat die Europäische Kommission ihre erste Strategie zur Generationengerechtigkeit (bislang nur auf Englisch verfügbar) veröffentlicht. Damit liegt erstmals ein politisches Grundsatzdokument vor, das sich auf EU-Ebene systematisch mit der Frage auseinandersetzt, wie Chancen und Lasten zwischen Generationen verteilt werden. Ein wichtiger Ausgangspunkt für die Strategie war das Europäische Bürgerforum zur Generationengerechtigkeit (European Citizens’ Panel on Intergenerational Fairness), über das wir bereits im November 2025 ausführlich berichtet haben. Damals haben 150 zufällig ausgeloste Bürger:innen aus allen Mitgliedstaaten gemeinsam erarbeitet, wie Politik langfristiger und generationengerechter gestaltet werden kann, und hierfür 24 konkrete Empfehlungen abgegeben. Nun zeigt sich, welche dieser Ideen ihren Weg in die europäische Politik gefunden haben.
Die Strategie greift zentrale Gedanken des Bürgerforums auf. Sie betont, dass politische Entscheidungen langfristige Auswirkungen haben und dass demokratische Systeme Wege finden müssen, diese auch systematisch zu berücksichtigen. Generationengerechtigkeit wird dabei nicht als eigenständiges Politikfeld verstanden, sondern als Leitprinzip, das verschiedene Politikbereiche durchzieht. Ein Punkt ist für uns als SRzG dabei besonders hervorzuheben: In der Strategie wird der 16. November als Tag der Generationengerechtigkeit aufgegriffen. Diesen Tag haben wir vor einigen Jahren initiiert, um das Thema stärker in die öffentliche und politische Debatte zu bringen. Dass diese Initiative nun auf europäischer Ebene aufgegriffen wird, ist ein konkreter Erfolg und zeigt, dass zivilgesellschaftliche Impulse tatsächlich Wirkung entfalten können.
Im Zentrum der Strategie steht die Idee eines neuen „intergenerational contract“, der auf drei Dimensionen basiert: faire Entscheidungsprozesse, faire Chancen über den Lebensverlauf und faire Lebensbedingungen in unterschiedlichen Regionen. Ergänzt wird dieser Rahmen durch Initiativen wie die Entwicklung eines „Intergenerational Fairness Index“ sowie neue Beteiligungsformate.
Aus Sicht der SRzG ist die Strategie damit ein wichtiger und längst überfälliger Schritt. Gleichzeitig bleibt sie in zentralen Punkten zurückhaltend. Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen bleiben vergleichsweise vorsichtig und bauen auf bestehenden Instrumenten auf. Gerade bei der Frage, wie die Interessen zukünftiger Generationen institutionell besser vertreten werden können, bleibt sie hinter den Empfehlungen des Bürgerforums zurück. Vorschläge wie ein unabhängiges Gremium auf EU-Ebene finden sich nicht wieder. Auch der Ansatz, Generationengerechtigkeit als Querschnittsprinzip in verschiedene Politikbereiche zu integrieren, ist grundsätzlich sinnvoll, wirft jedoch die bekannte Frage auf, wer am Ende tatsächlich Verantwortung trägt. Ohne klare Zuständigkeiten besteht die Gefahr, dass das Thema zwar präsent ist, aber nicht verbindlich wird.
Wir haben die Strategie deshalb ausführlich analysiert und bewertet. Unser Fazit: Die EU hat mit dieser Strategie einen wichtigen Anfang gemacht. Ob daraus mehr wird als ein politisches Signal, hängt davon ab, ob langfristiges Denken künftig stärker in konkrete Entscheidungsprozesse eingebaut wird. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt damit erst jetzt.



